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Lasst Kinder wieder Kinder sein!

Zur Zeit lese ich folgendes spannendes Buch von Michael Winterhoff – Lasst Kinder wieder Kinder sein!
Gleich das Vorwort hat mich gepackt und spiegelt mich sehr gut wider. Man liegt abends im Bett, die Wohnung ist geputzt, die Kinder liegen schlafend im Bett, die Nacht bricht ein und es wird ruhig. Doch diese Ruhe ist nur objektiv! Die Gedanken reißen nicht ab. Was steht morgen alles an? Kinder zur Schule bringen, Wäsche waschen, Spülmaschine ausräumen, zum Arzt, schnell die fehlenden Kartoffeln für das Mittagessen kaufen, kochen, Kinder abholen usw. usw. usw. Überall ist die Produktivität maßgebend. Je produktiver desto mehr schafft man, desto besser ist man!

Das Hamsterrad

Karriere aufbauen, Kinder erziehen, eine gute Ehefrau sein. Und ja, solche Frauen gibt es auch in der islamischen Community. Einige sagen dies sei mit guter Planung möglich. Zeitmanagement und Projektplanung sollten auch zu Hause nicht fehlen. Doch in welcher Intensität? Viele Menschen werden von einer unsichtbaren Macht angetrieben. Und ich stelle mir islamisch gesehen die Frage, ob es dem Zweck dient einfach nicht über tiefgründigere Fragen (was passiert nach dem Tod?) oder Probleme (wieso verhalte ich mich in bestimmten Problemsituationen immer gleich?) nachdenken zu müssen. Wie eine Art Ablenkungsmanöver….

Mal auf die Bremse treten
Wir sollten mal das Tempo drosseln und uns eingestehen, dass es nunmal alles länger dauert. Trotz Thermomix oder Waschtrocker… Denn dieser Dauerzustand gleicht einer krisenbehafteten Lebenssituation. Und eben dieser Zustand wirkt sich negativ auf unsere Kinder aus.

Überlege doch mal, wann du das letzte Mal daheim gesessen haben und nichts gemacht haben. Ja, richtig gelesen: NICHTS!
Löst es Unbehagen aus? Schließlich bedeutet Langeweile in der heutigen Zeit, dass man unproduktiv ist, faul oder eine fehlende Arbeitsauslastung. Doch eben mithilfe der Langeweile finden wir zurück zur eigenen Mitte und helfen den negativen Strömungen des Alltags etwas entgegenzusetzen, meint Michael Winterhoff. Qu’ran lesen, beten, und Allah zu gedenken hat in meinen Augen dieselbe Wirkung.

Die Symbiose mit dem Kind

Kinder werden heute in großer Zahl im Rahmen einer Symbiose groß. So bezeichnet der Kinder- und Jugendpsychiater eine Form der Beziehungsstörung, die sich hauptsächlich im familiären Rahmen, also zwischen Eltern und Kindern, beobachten lässt. Eltern unterscheiden dabei nicht mehr zwischen sich und ihrem Kind, sondern denken und handeln, als wenn es sich beim Nachwuchs um einen Teil ihrer selbst handeln würde. Die Eltern wollen Kinder vor negativen Erfahrungen schützen. Sie sagen: Wenn es meinem Kind schlecht geht, geht es mir auch schlecht. Diese Symbiose ist weder für das Kind noch für sie selbst gut. Dies passiert im Laufe der Erziehung ganz unterbewusst. Es wäre also falsch die Schuld bei den Eltern zu suchen. Natürlich ist es die Aufgabe der Eltern die Kinder zu schützen. Allerdings vor Gefahren. Erfahrungen, ob positiv oder negativ, müssen gemacht werden damit das Kind daraus lernen und wachsen kann.

Viele Einrichtungen haben geschriebene und ungeschriebene Regeln, die viel Druck auf die Kinder ausüben, sozial zu sein und mit jedem zu spielen. Kein Erwachsener würde mit solchen Regeln leben können. Sie zwingen Kinder dazu, im Verborgenen zu manipulieren.

Wenn die Kinder zehn Jahre älter sind, denken Eltern plötzlich, dass es sehr wichtig ist, dass die Jugendlichen in ihrer Bekanntschaft und Freundschaft sortieren können. Gerade dies ist Teil der Bedeutung von Kindheit: Die Kinder werden empathisch, aber unsentimental durch alle Erfahrungen begleitet, die ihnen helfen, Weisheit, Selbstwahrnehmung und Lebenskompetenzen zu entwickeln, die schon im Alter von acht bis neun Jahren so notwendig sind, von der Pubertät ganz zu schweigen.

Der Trend geht seit mehr als zehn Jahren leider in die entgegengesetzte Richtung. Sowohl Eltern als auch Fachleute versuchen, die Kinder vor lebenswichtigen Erfahrungen zu schützen. Eine Mutter protestierte kürzlich gegen diesen Standpunkt und sagte: «Ja, aber wenn es meinem Sohn schlecht geht, geht es mir auch schlecht!» Ich bezweifle es nicht, aber es ist eine der vielen Situationen, in denen sich Eltern aus der Symbiose herauskämpfen müssen und sich daran erinnern sollten, dass es hier tatsächlich um zwei verschiedene Menschen geht – um mein Kind und um mich. Bekommt man das nicht hin, wird Empathie zu Sentimentalität. Und Fürsorge wird selbstbezogener, als es gesund für beide ist.

Die Wirkung auf das Kind

Durch den Dauerstress entstehen zwei Verhaltensebenen, die sich beide  auf Kinder auswirken:

– Zum einen entstehen durch den permanent rotierenden Erwachsenen Störungen der Beziehung zum Kind,  die diesem keine normale psychische
Entwicklung ermöglichen; 

– Zum anderen gibt der Erwachsene den Druck vielfach an das Kind weiter, das dadurch permanent in einem ungesunden  Spannungsfeld lebt. 

Der Erwachsene, dessen Psyche sich im Katastrophenmodus befindet, dreht bereits am frühen Morgen auf Hochtouren, wie auch ich. Er rotiert innerlich und überträgt diese Rotation  ungewollt aufs Kind. Ansatzpunkte dazu gibt es zuhauf.  Vielleicht steht das Kind nach dem Wecken nicht schnell genug  auf, vielleicht trödelt es beim Waschen, kleckert beim  Zähneputzen oder meckert über die Kleidung.

Wie reagiert werden sollte: Stirnrunzeln und ggf. die Aufforderung es anders zu machen.    
Wie die meisten reagieren: Das Kind wird zur Eile gedrängt.   

Durch die vielen unvorhersehbaren Ereignisse die ein Kind nunmal mit sich bringt, gerät die Psyche der Person, welches sich im „Hamsterrad“  befindet verstärkt unter Beschuss. Schließlich MUSS DER ZEITPLAN EINGEHALTEN WERDEN!  Dieses Verhalten ist innerhalb des dreistufigen Modells von  Beziehungsstörungen, das Michael Winterhoff entwickelt hat, im Rahmen der Symbiose anzusiedeln. Diese Eltern können ihr Kind nicht  mehr als eigenständige, von ihnen abgegrenzte Person wahrnehmen,  sondern als Teil ihrer selbst, den sie mit dem übermäßigen  Druck dazu zu bringen versuchen, ihre Forderungen  sofort zu erfüllen..

Dieser Druck zieht sich häufig durch den ganzen Tag. Eile  bei der Fahrt zur Schule, Stress beim Mittagessen, Druck bei  den Hausaufgaben. Dazu kommen diverse Termine. Montags nach der Schule zum Sportunterricht, Dienstags nach der Schule zum Arabisch Kurs, Mittwochs nach der Schule zum Förderunterricht, Freitags nach der Schule in die Moschee, und Samstags werden Familienausflüge gemacht, schließlich will Papa auch mal was vom Kind…Achja und am Sonntag in die Qu’ran Schule! Das gerne genutzte  Bild vom Kind mit dem Manager-Terminkalender hat sich  bedrohlich der Realität angenähert.  Das Tragische daran ist, dass Schuldzuweisungen nichts  bringen. Niemand kann Eltern vorwerfen, ihre Kinder absichtlich  diesem Stress auszusetzen; es ist nicht, zumindest nicht in  der Masse, der überbordende Ehrgeiz der Väter und Mütter,  der diesen Kindern zu schaffen macht.  Diese Eltern wollen alle das Beste für ihre Kinder.

Bei einer altersgemäßen Entwicklung der Psyche lernen Kinder nach und nach, äußere Eindrücke zu filtern und bestimmte  Dinge auszublenden. Als Erwachsene machen wir  das tagtäglich, sonst könnten wir gar nicht mehr durch den  Tag kommen. Das geht aber nur, weil sich unsere Psyche im  Kindesalter langsam in diese Richtung entwickeln konnte.  Den Schulkindern, die in der Symbiose aufwachsen, fehlt  diese Filtermöglichkeit, weil sie auf dem psychischen Entwicklungsstand  eines Kleinkindes, auf dem sie sich befinden,  noch nicht vorgesehen ist.  In der Folge kommt es zu vielen Schwierigkeiten wie z.B.:

– Reizüberflutung (auch schon bei Babys)
– Fehlendes Erkennen von Zusammenhängen

Kennst du vielleicht ein Grundschulkind das so handelt?

Dann ist dieses wohl in einer Symbiose aufgewachsen…

In einer stressigen Situation, etwa, wenn der Erwachsene  es eilig hat, reagieren sie wie Kleinkinder. Stellt euch vor ihr habt ein Kind welches zu einem Termin muss und ihr reißt es aus deinem Spiel heraus. Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach heftig  protestieren, weinen und schreien, weil die Spannung des Erwachsenen  in diesem Alter vom Kind nicht positiv aufgenommen  werden kann, sondern das gegenteilige Verhalten  bewirkt. Bei einem Achtjährigen sollte das eigentlich anders  sein. Bei einer altersgemäßen Entwicklung wäre er in der Lage  zu spüren, dass die Mutter in Eile bzw. unter Druck ist, und  würde sich darauf einstellen. Stattdessen haben wir jedoch  immer mehr Kinder im Grundschulalter, die auf Zeitdruck in  einer Weise reagieren, die eigentlich ins Kleinkindalter gehört.  Würde man diesen Kindern sagen, sie sollten sich bitte  etwas beeilen, weil man schnell los wolle, so machen sie gerade  dies nicht, sondern sind in Gefahr, auszuflippen.

Welche Strategien helfen mir aus dem Hamsterrad zu kommen?

Der praktizierende Glaube
Beten, Qu’ran lesen, in die Moschee gehen, Zeiten der Stille. Doch auch die Freunde helfen. Isoliert neigt der Mensch dazu sich völlig seinem Hamsterrad zu ergeben. Die Auszeit mit guten Freunden stärkt den Iman und bringt Ruhe.

Khayr, inscha Allah (gut, wenn Allah will)
Den Bus verpasst? Etwas vergessen? Khayr, inscha Allah. Es hat schon alles so seinen Sinn und seine Richtigkeit. Also was bringt es sich aufzuregen? Es sollte wohl so sein.

Nichts tun
Versuche einfach mal abzuschalten und wirklich nichts zu tun.

4-5- Stunden Naturspaziergang (Wald, Steppe, Gebirge)
Zu realen Problemen bekommt man eine Distanz und möglicherweise zu Lösungsschritten.

Lasst Kinder wieder Kinder sein!

Kinder sollten auch mal Langeweile haben dürfen und Erwachsene sollten sich eingestehen, dass in der heutigen Zeit das Hamsterrad sich auf das Kind auswirkt.

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https://www.fritzundfraenzi.ch/erziehung/elternbildung/wenn-eltern-in-symbiose-mit-ihrem-kind-sind-jesper-juul?page=all
https://www.general-anzeiger-bonn.de/ratgeber/fit-und-gesund/vier-bis-fuenf-stunden-in-den-wald_aid-43057109
https://www.amazon.de/Lasst-Kinder-wieder-sein-Oder/dp/3579067508

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https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2019-05/deutschland-verdummt-michael-winterhoff-bildungssystem-paedagogik-kinder

Viel Spaß wünscht euch,

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