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Die Bindungstheorie

Zwischen 1937 und 1943 gab es ein beunruhigendes Phänomen. Die Kinder misshandelten öfter andere Kinder, waren früh mit Diebstählen in Kontakt geraten oder sogar mit Gewalt und sexuellen vergehen. Viele dieser Kinder waren in Einrichtungen groß geworden, in denen sie angemessene physische Betreuung, aber kaum soziale Kontakte hatten. Andere waren im Säuglingsalter und in früher Kindheit von Pflegeheim zu Pflegeheim gereicht worden (Bowlby 1953). Ungefähr zur selben Zeit wurden ähnliche Störungen bei Kindern beobachtet, die verwaist waren oder im Zweiten Weltkrieg von ihren Eltern getrennt wurden und in Flüchtlingslagern oder ähnlichen Einrichtungen lebten. Der englische Psychoanalytiker „John Bowlby“ beschrieb diese Patienten als teilnahmslos, depressiv oder anderweitig emotional gestört und geistig unterentwickelt. All diese Kinder haben eine gestörte Bindung erlebt. Die meisten Kinder bauen Bindungen zu ihren Eltern aufbauen, diese allerdings von ganz unterschiedlicher Qualität sein können, was sich auf die soziale und emotionale Entwicklung des einzelnen Kindes auswirkt. Natürlich spielen hier auch weitere Faktoren wie: Anlage und Umwelt sowie soziokultureller Kontext und individuelle Unterschiede. 

Die Bindung zwischen Kindern und Bezugspersonen

Nach den katastrophalen Beobachtungen aus dem Jahren 1940 kam man zu dem Schluss, dass die frühe Trennung der Grund für die anormalen Verhaltensweisen sein müssen. Es wurden Tests mit Rhesusaffen durchgeführt, wo kleine Äffchen isoliert aufwuchsen. Die isolierten Babys wurden alle gut ernährt und ärztlich versorgt, aber sie hatten keinen Kontakt zu anderen Affen. Als sie schließlich nach sechs Monaten mit anderen Affen zusammengebracht wurden, zeigten sie schwere soziale Störungen. Sie bissen zwanghaft um sich, warfen sich hin und her und gingen anderen Affen völlig aus dem Weg, offenbar unfähig, mit anderen zu kommunizieren oder von ihnen zu lernen.

Die Theorie

Die auf John Bowlbys Arbeiten zurückgehende Theorie, welche die biologische Veranlagung von Kindern postuliert, Bindungen zu Betreuern und Bezugspersonen zu entwickeln, um die eigenen Überlebenschancen zu erhöhen. Bowlbys Bindungstheorie ist stark durch einige zentrale Lehren Freuds beeinflusst, im Besonderen jedoch durch die Idee, dass die frühesten Beziehungen der Säuglinge zu ihren Müttern ihre spätere Entwicklung formen. 

Sichere Basis

Die Anwesenheit einer vertrauten Bindungsperson dem Säugling oder Kleinkind ein Gefühl von Sicherheit bietet, das es ihm ermöglicht, die Umwelt zu erforschen.

Nach Bowlby findet die anfängliche Entwicklung von Bindung in vier Phasen statt.

Vorphase der Bindung (Geburt bis 6 Wochen): In dieser Phase zeigt das Kind angeborene Signale, meistens Schreien, das andere zu sich ruft, und durch die darauffolgenden Interaktionen fühlt sich das Kind getröstet.

Entstehende Bindung (6 Wochen bis 6–8 Monate): Während dieser Phase beginnen die Kinder, bevorzugt auf vertraute Personen zu reagieren. Typischerweise lächeln, lachen oder plappern sie häufiger in Anwesenheit ihrer primären Bezugsperson und lassen sich leichter von ihr beruhigen. Wie Freud und Erikson verstand auch Bowlby diese Phase als eine Zeit, in der Kleinkinder Erwartungen entwickeln, wie ihre Fürsorger auf ihre Bedürfnisse reagieren, und ein Gefühl dafür entwickeln, wie sehr sie ihnen vertrauen können oder auch nicht.

Ausgeprägte Bindung (zwischen 6–8 Monaten und 1 1/2 Jahren): In dieser Phase suchen Kleinkinder aktiv Kontakt zu ihren regulären Bezugspersonen. Sie begrüßen ihre Mutter bei ihrem Erscheinen freudig und können, wenn sie weggehen will, entsprechend Trennungsangst oder Unbehagen zeigen. Für die meisten Kinder dient die Mutter nun als sichere Basis, die dem Kind die Erkundung und Beherrschung der Umwelt erleichtert.

Reziproke Beziehungen (ab 1 1/2 oder 2 Jahren): Während dieser letzten Phase ermöglichen die rapide ansteigenden kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten den Kindern, die Gefühle, Ziele und Motive der Eltern zu verstehen. Dieses Verständnis können sie nun nutzen, um ihre Anstrengungen darauf auszurichten, in der Nähe der Eltern zu sein. Als Ergebnis entsteht allmählich eine mehr wechselseitig geregelte Beziehung, wenn das Kind eine zunehmend aktive Rolle beim Aufbau einer funktionierenden Beziehung zu seinen Eltern übernimmt (Bowlby 1969). Dementsprechend sinkt die Trennungsangst.

Resultat

Das Ergebnis dieser Phasen ist ein dauerhafter emotionaler Zusammenhalt, der das Kind und seine Bezugsperson verbindet. Zudem entwickelt das Kind ein inneres Arbeitsmodell von Bindung, eine mentale Repräsentation vom Selbst, von Bindungspersonen und von Beziehungen im Allgemeinen. Dieses innere Arbeitsmodell basiert auf den frühen Erfahrungen des Kindes mit seiner Bezugsperson, in deren Verlauf das Kind das Ausmaß an Zuverlässigkeit entdeckt, mit dem seine Bedürfnisse befriedigt wurden, um so die Empfindung von Sicherheit zu ermöglichen. 

Bowlby glaubte, dass dieses innere Arbeitsmodell die Erwartungen des Individuums hinsichtlich sozialer Beziehungen das ganze Leben hindurch leitet. Wenn die Betreuungspersonen zugänglich und interessiert sind, werden kleine Kinder erwarten, dass zwischenmenschliche Beziehungen etwas Erfreuliches sind, und das Gefühl haben, dass sie selbst der Fürsorge und Liebe wert sind. Als Erwachsene suchen sie nach befriedigenden und sicherheitssteigernden Beziehungen von der Art, die sie mit ihren primären Bezugspersonen in der Kindheit hatten, und erwarten, diese auch zu finden. Wenn die Bezugspersonen der Kinder nicht erreichbar sind oder nicht reagieren, entwickeln Kinder negative Auffassungen von Beziehungen zu anderen Menschen und von sich selbst. Daher nimmt man an, dass das innere Arbeitsmodell von Bindung bei Kindern ihre allgemeine Einstellung, ihr soziales Verhalten, die Wahrnehmung anderer sowie die Entwicklung ihres Selbstwertgefühls und ihres Bewusstseins vom Selbst beeinflusst.

Persönlich stehe ich dem System kritisch gegenüber, die Mütter quasi 12 Monate nach der Geburt wieder zur Arbeit zu zwingen. Ob direkt (allein erziehend) oder indirekt (hoher Lebensstandard, gesteigertes Konsumverhalten). In Deutschland ist es leider nur mit immensen Einschnitten möglich bis zum dritten Lebensjahr beim Kind zu bleiben. So ist es zwar möglich drei Jahre Elternzeit zu nehmen, allerdings sind die Fix-Kosten wie Miete, Strom, Wasser und gesunde Ernährung sehr hoch weshalb ein Elternteil alleine es oft schwer hat dies zu stemmen. 

Fremde Situation 

Wie ist es möglich die Stärke der Bindung zu testen? Dies fragte sich Entwicklungspsychologin Ainsworth. 

Um dies zu testen, setzte sie ein Kind Begleitung eines Elternteils in ein Spielzimmer des Labors, das mit interessantem Spielzeug ausgestattet ist. Nachdem der Versuchsleiter das Kind und dessen Mutter beziehungsweise Vater mit dem Raum vertraut gemacht hat, wird das Kind in einzelnen Episoden mit insgesamt sieben Situationen konfrontiert. Dabei wird es zweimal vom Elternteil getrennt und wieder mit ihm zusammengeführt, und es kommt zweimal zu Interaktionen mit einer Fremden, einmal wenn das Kind allein im Raum ist und ein anderes Mal in Anwesenheit seiner Mutter beziehungsweise seines Vaters. Die Episoden dauern jeweils ungefähr 3 min, sofern das Kind nicht allzu beunruhigt ist. Während aller Episoden beurteilen Beobachter das Verhalten des Kindes, beispielsweise seine Versuche, Nähe und Kontakt zum Elternteil zu suchen, seinen Widerstand oder seine Meidung von Mutter oder Vater, seine Interaktionen mit der Fremden und seine Interaktionen mit dem Elternteil aus größerer Entfernung mithilfe von Sprache oder Gesten.

Daraus resultierend wurden drei verschiedene Bindungskategorien erstellt: 

sichere Bindung

Ein Bindungsmuster, bei dem Säuglinge oder Kleinkinder eine qualitativ hochwertige, relativ eindeutige Beziehung zu ihrer Bindungsperson haben. In der Fremden Situation regt sich ein sicher gebundenes Kind vielleicht auf, wenn die Bezugsperson weggeht, freut sich aber, wenn sie zurückkehrt, und erholt sich schnell von seinem Unbehagen. Wenn Kinder sicher gebunden sin, können sie ihre Bezugsperson als sichere Basis für die Erkundung ihrer Umwelt nutzen.

Unsicher – ambivalente Bindung

Ein Typ unsicherer Bindung, bei dem Säuglinge klammern und nahe bei der Bezugsperson bleiben, statt ihre Umwelt zu erkunden. In der Fremden Situation werden unsicher-ambivalent gebundene Kinder häufig ängstlich, wenn die Bezugsperson sie allein im Raum lässt, und können von Fremden nicht leicht beruhigt werden. Wenn die Bezugsperson zurückkehrt, lassen sie sich nur schwer beruhigen; einerseits suchen sie Trost, andererseits widersetzen sie sich den Tröstungsbemühungen der Bezugsperson.

Unsicher – vermeidende Bindung

Ein Typ unsicherer Bindung, bei dem Säuglinge oder Kleinkinder gleichgültig gegenüber ihrer Bezugsperson erscheinen und diese gegebenenfalls sogar meiden. In der Fremden Situation erscheinen sie der Bezugsperson gegenüber gleichgültig, bevor diese den Raum verlässt, und gleichgültig oder vermeidend, wenn sie zurückkehrt. Wenn sie weinen, nachdem die Bezugsperson sie allein gelassen hat, können sie von einem Fremden ebenso leicht beruhigt werden wie von der Mutter oder dem Vater.

Einflussfaktoren auf die kindliche Bindungssicherheit

Eine naheliegende Frage bei dem Versuch, Unterschiede von Bindungsmustern zu erklären, besteht darin, ob sich die Eltern von sicher und unsicher gebundenen Kindern in der Art der Interaktion mit ihren Kindern unterscheiden. Es gibt Hinweise darauf, dass dies der Fall ist.

Bindungstheoretiker haben behauptet, dass das Einfühlungsvermögen oder die Feinfühligkeit der Eltern bei der Erziehung des Kindes der entscheidende elterliche Faktor ist, der zur Entwicklung einer sicheren Bindung beiträgt. Ein wichtiger Aspekt des Einfühlungsvermögens der Eltern ist die verlässlich reagierende Fürsorge. Die Mütter von sicher gebundenen einjährigen Kindern können die Signale ihrer Kinder im Allgemeinen präzise lesen und reagieren ebenso schnell auf die Bedürfnisse eines weinenden Babys, wie sie gern und glücklich zurückzulächeln, wenn das Baby sie anstrahlt. Positiver Austausch zwischen Mutter und Kind wie wechsel-seitiges Lächeln und Lachen, abwechselnd produzierte Laute oder koordiniertes Spielen kennzeichnen eine einfühlsame Erziehung, die zum Fördern einer sicheren Bindung besonders wichtig sein kann

Krippe, Tagesmutter und Co.?

Jetzt jede Mutter oder jeden Vater zu verteufeln, weil das Kind sehr früh weggegeben wird ist der falsche Weg. Wir sollten viel mehr Verständnis zeigen. Ausschlaggebend ist unterm Strich auch die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit. So nützt es wenig eine Überforderte Mutter zu sein die das Kind permanent bei sich hat.

Wie seht ihr das? Gehen eure Kids in die Krippe oder lasst ihr sie erst noch zu Hause?

Mich interessieren EURE Erfahrungen, schreibt sie bitte in die Kommentare.

Quelle: Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter von Sabina Pauen
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Alles Liebe wünscht euch,

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